DSA5-Review IX: Talente

Und nun betrachten wir die Talente, auch ein spannendes Feld. Sofort geht es mit einem kleinen handwerklichen Fehler los, dessen Art sich aber kreuz und quer durch das ganze Buch zieht: Talente starten auf einem Wert von 1, außer man ist Unfähig. Der Seitenverweis zu Unfähig stimmt, aber dort steht nichts von einem veränderten Startwert… nun ja, sei es wie es sei, ich will mich dieses Mal auf das wesentliche konzentrieren: Was hat sich verändert, was ist gut, was ist schlecht. Zuerst einmal gut: Alle Talente starten auf einem Wert von 1. Es gibt keine expliziten Berufs- oder Spezialtalente mehr. Jeder Held beherrscht z.B. Metallbearbeitung auf 1 – in meinen Augen sinnvoll gedacht, denn die niedrigen Talentwerte sind ohnehin nur Makulatur, ein Talent zu „beherrschen“ geht erst ab einem Wert von 4 oder 7 aus – je nach Eigenschaftslage.

Allgemeines

Dann haben sich die Steigerungskategorien verändert – jedes Talent wird einzeln bewertet und Tanzen ist nicht mehr teuer, nur weil es jemand unter „körperlich“ eingeordnet hat. Überhaupt dient der Teil mit den Talentgruppen nur noch der Übersicht. Eine optionale Regel für Anfänger geht darauf ein, dass man pro Talentgruppe dieselbe Probe verwenden könnte. Ich halte diese für überflüssig, die Schwierigkeit einer Talentprobe liegt im Probensystem selbst, nicht in den verschiedenen Eigenschaften.

Körperliches

Bei den körperlichen Talenten ist allerdings kein großer Sprung geschehen: Es gibt immer noch die übermächtige Sinnenschärfe, dazu wurden Sich Verstecken und Schleichen jetzt zu Verbergen zusammengefasst und aus Athletik, Akrobatik, Körperbeherrschung, Skifahren und Entfesseln wurde Körperbeherrschung geschaffen. Diese drei Talente sind zwar in der „schwersten“ Steigerungsspalte, aber eine Differenzierung hätte hier besser getan. Das wären zwar mehr Talente, aber zum Beispiel sind Sehen und Hören wertvoller als Riechen und Tasten. Das schlägt sich in den entsprechenden Kosten für „herausragenden Sinn“ bei den Vorteilen bereits nieder. Hier wäre eine Aufspaltung der Talente eher besser als schlechter gewesen. Vor allem, warum es das neue „Übertalent“ Körperbeherrschung gibt, ist mir schleierhaft, denn es gibt keine passende Steigerungsspalte dafür. Jede vorhandene ist eigentlich zu billig im Vergleich zu dem immensen Nutzen, den das Talent bringt. Nunja, Balancing war noch nie die große Stärke von DSA.

Übersichten und Soziales

Es gibt allerdings mehr als nur eine gute Seite, die zeigt, dass man sich viele gute Gedanken gemacht hat: jedes Talent hat einen (zugegebenermaßen grauenvoll „designten“) Kasten, in dem für jede Abstufung der Erschwernisse Beispiele stehen. Wenn man also wissen will, wie schwer etwas ist, muss man es nur mit dem Kasten vergleichen. Das verhindert eine Krankheit, die ich schon öfter bei DSA bemerkt habe: Nach drei Bier am Abend wird eine Zechenprobe fällig und wer die (unmodifizierte!) Probe nicht schafft, ist volltrunken und hat am nächsten Morgen einen ordentlichen Kater (aka Werwolf in Aventurien). Ebenso gibt es jetzt bei sozialen Begegnungen eine Tabelle, wie die Probenmodifikatoren sind, wenn das Gegenüber einem feindlich gesonnen ist etc. Auch kulturelle Unterschiede sind darin enthalten, aber die Erschwernisse sind zu niedrig, als das sich extra für sie eine Kulturkunde lohnen würde.

Bei den Gesellschaftstalenten hat sich nicht viel verändert – aber gerade hier sind diese Tabellen (und ein eigenes Regelwerk zum Verführen) recht praktisch. Ob das auch in der Praxis gut klappt, wird sich allerdings zeigen. Grundsätzlich gilt zum Verführen zumindest, dass es zum Scheitern verurteilt ist, wenn der Gegner eine Willenskraft hat, die gleich oder höher dem Betörenwert des „Angreifers“ ist. Ansonsten gibt es ebenjenes neue Talent „Willenskraft“, das quasi die psychische Variante der Selbstbeherrschung ist – hier mal eine sinnvolle Aufspaltung, sie können es also doch, die Leute aus der Redax. Wenn sie nur wollen.

Natürliches

Bei den Naturtalenten sind Pflanzen- und Tierkunde neu dabei, erfüllen aber den alten Zweck des Sammelns und Jagens. Wettervorhersage ist nun Teil von Wildnisleben und wird nicht getrennt betrachtet. Ansonsten im Westen nichts neues.

Wissenswertes

Wissenstalente waren seit je her ein fragwürdiges Thema – was „weiß“ der Held jetzt eigentlich und wenn ja, warum muss er eine Probe ablegen?! Hier wurde versucht, das ganze auch unter dem Aspekt „Recherche“ und Sammelproben zu verwenden, was die ganze Sache eher benutzbarer macht als „Würfel mal Geschichtwissen +8 um zu wissen, was in der Stadt vor 400 Jahren in den Magierkriegen passiert ist!“. Hier wurden vor allem viele Blüten entsorgt wie z.B. Gesteinskunde oder Philosophie, während Dinge wie Anatomie oder Kryptografie zu den Sonderfertigkeiten ausgelagert wurden. Insgesamt in meinen Augen eine sinnvolle Verschlankung.

Handwerkliches

Die Handwerkstalente wurden ebenfalls zusammengefasst. Angelehnt an die Holzbearbeitung kann nun auch analog Stein, Metall, Stoff und Leder bearbeitet werden. Es gibt nützliche Tabellen, wie viele FP gesammelt werden müssen, damit man etwas herstellt oder wie hoch die Erschwernisse für bestimmte Schlösser beim Schlösserknacken sind. Ob die Werte in den Tabellen jemals getestet wurden, kann ich nicht sagen, aber sie sehen schon einmal ganz ordentlich aus. Das Paradebeispiel für die dysfunktionalen Proben bei DSA, nämlich das „Herstellen eines genießbaren Essens mit dem Talent Kochen“ wurde auch entschärft. Mit dem Talent „Kochen & Backen“ geht eine Tabelle einher, die sagt, dass so etwas jetzt um 4 bis 8 Punkte erleichtert ist.

Besonderfertigkeites und Sprachliches

Beendet wird das Kapitel von allgemeinen Sonderfertigkeiten und Sprachsonderfertigkeiten – denn Sprachen und Schriften gibt es jetzt nicht mehr als Talentwert, sondern als Sonderfertigkeit, auf die auch keine Probe abgelegt werden kann.

Die allgemeinen Sonderfertigkeiten beinhalten jetzt viele frühere Talente – und ich muss ehrlich sagen, dass mir das gut gefällt. Denn Dinge wie „Baumeister“, „Hauswirtschaft“ und „Anatom“ waren selten einmal probenmäßig gefordert (Hauswirtschaft noch am ehesten, weil ich damit so ziemlich alles zu ersetzen versucht habe 😀 ), sondern es zählte ihr pures Vorhandensein. Details sind natürlich mal wieder teuflisch verzwickt und haben die Redax da wohl mal wieder etwas überfordert – Beispiel „Baumeister“ gibt Erleichterung für Proben zur Gebäudeplanung – so ein Talent gibt es aber im Grunde gar nicht. Man kann nur erraten, dass es sich dabei um Rechnen handeln muss. Führungsstärke erleichtert Kriegskunst, obwohl es nichts damit zu tun hat (Kriegskunst ist nur noch Taktik). Die Liste könnte ich weiter führen, doch da wird sich ein gewissenhafterer Lektor finden als ich.

Die Sprachsonderfertigkeiten finde ich persönlich wunderbar. „Lippenlesen“, „Füchsisch“, „Poesie“, „Kryptografie“ und „Fächersprache“ haben einen ganz eigenen Charme, wobei ich es als Regelpaketbruch empfinde, wenn eine normale SF wie die Fächersprache einen Dialekt aus der optionalen Dialektregel voraussetzt.

Bei den Sprachen selbst hat sich nicht so viel getan – im Prinzip sind Sprachen und Schriften zumindest von der Steigerung her so wie normale Talente, die eben nur ein Maximum von 5 haben. Durch die Abtrennung in SFen erreicht man damit aber innerhalb des neuen Regelgerüstes einen praktischen Effekt: Talente starten ja alle auf 1, somit könnte man sonst ja alle Sprachen können. Außerdem kann man die Stufen der SF genauer bezeichnen und dann auch direkt sagen, wie groß etwa der Wortschatz des Helden ist. Über die Anzahl der Sprachen und Schriften sage ich einmal nichts, denn das ist Spielweltthema und daran können die Autoren nicht viel drehen, wenn sie nicht die Spielwelt selbst verändern wollen. Auch wenn mir der Wegfall von Sprachen wie „Molochisch“ weder fehlen noch auffallen würde. Handwerklich natürlich fragwürdig, wenn man für Isdira den im Buch nicht vorhandenen zweistimmigen Gesang braucht…

Zusammenfassung:
+ Man hat alle Talente und alle starten auf 1
+ Es wurden Talente sinnvoll zusammengefasst
+ Es wurden alte Talente sinnvoll in Sonderfertigkeiten verwandelt
+ Jedes Talent hat seine eigene Schwierigkeit
+ Viele Beispiele und nützliche Tabellen zu jedem Talent
+ Standarderschwernisse für soziale Proben übersichtlich zusammengefasst
+ Ich mag die Sprachsonderfertigkeiten
– Handwerkliche Fehler auch bei den Talenten und Sprachen
– Teilweise kryptische Erklärungen, wofür eine SF jetzt gut ist, auch hier wieder Verweisfehler
– Einige Talente wurden sinnlos zusammengefasst bzw. blieben unangefasst wie die übermächtige Körperbeherrschung und Sinnenschärfe
– Talentgruppenprobe vereinfacht gar nichts. Alles steht doch ohnehin auf dem Heldenbogen!

2 Kommentare

  1. MannOhneNamen

    „Es gibt immer noch die übermächtige Sinnenschärfe“

    Falsch! Das heisst jetzt endlich Sinnesschärfe! 😛

  2. Jens

    Indeed! Dabei wollte ich doch darauf achten, das immer richtig zu schreiben. Da hat wohl mein Lektorat geschlampt *HUST* 😀

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